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"Wer sich mit materiellen Dingen überfüttert, wird krank infolge geistiger Unterernährung." (Phil Bosmans)
Südtirol 2007

Nachtwanderung

Schon auf dem kurzen Stück von St. Michael Bushaltestelle bis Kreuzberg stelle ich fest, dass ich meine ganze Zeitplanung aufgeben muss. Bergwanderer mit jahrelanger Erfahrung haben einfach ein anderes Grundtempo als absolute Anfänger. Aber dies ist ja auch einer der großen Vorteile bei der Reise mit Zelt auf dem Rücken: du kannst fast überall abbrechen und dir ein schönes Plätzchen zum zelten suchen. Es gibt keinen Druck ein bestimmtes Ziel zu erreichen. So muss Matthias doch deutlich länger auf uns warten, aber wir sind ja auch hier um die Hektik des Alltags hinter uns zu lassen.

Als Matthias dann seinen Rucksack aufsetzt staune ich dann doch. Ein vollbepackter 70l-Rucksack mit zusätzlich zwei Außentaschen für nur 4 Tage. "Dies ist meine komplette Outdoorausrüstung", erklärt Matthias, "die muss endlich mal wieder spazieren getragen werden." Schnell stellt sich heraus, dass auch dieses Gewicht den Marathonläufer und Mountain Biker nicht weiter beeindrucken kann.

Bis Buchwald ist der Weg sehr gut zu erkennen und auf Grund des guten Wetters ist der Weg auch nicht schwierig, aber auch diese ca. 500 Höhenmeter wollen erst mal überwunden werden. Ab Buchwald sind es dann "nur" noch 600 Hm, später erzählt mir Tanja, ab hier war bei ihr endgültig Schluss. Ab da wurde nur noch von Schritt zu Schritt gedacht und der Kopf herrscht über den Körper. Ein weiteres Beispiel, wie wir mit unseren Gedanken die Realität formen.

Vielleicht hätte ich den Neuen Weg auch nicht als den flachesten Weg auf den Mendelkamm anpreisen sollen, sondern eher als den am wenig steilsten. Natürlich ist es kein Vergleich zur Kematenscharte oder zur großen Scharte, aber was nützt das, wenn man die gar nicht kennt? Auch zieht sich der Neue Weg recht eintönig nach oben, was ihn aber auch für eine Nachtwanderung prädestiniert. Da ich den Weg bisher auch nur einmal nach oben gelaufen war - und das auch Nachts - ist es mir schon nach kurzer Zeit nicht mehr möglich irgendwie einzuschätzen, wie viel wir schon geschafft haben. Hier besteht definitiv nirgends die Möglichkeit ein Zelt aufzustellen, umkehren lohnt auch nicht mehr, wir müssen also oben ankommen. Plötzlich eine scharfe Biegung, wir haben den Anstieg geschafft. Jetzt wollen wir nur noch bis zu den Niederfringer Wiesen, aber nach ca. 1km fängt es zu nieseln an und rechter Hand entdecken wir ein hübsches Zeltplätzchen. Schnell sind die Zelte aufgebaut und unser Nachtlager eingerichtet. Tanja und Alex schlafen nach den Strapazen gut, ich wie immer die erste Nacht im Zelt gar nicht, was mir allerdings auch nichts ausmacht.

In Südtirol habe ich das sensationelle Gefühl mit jedem Atemzug, mit jedem Schritt mehr Energie aufzusaugen, als ich verbrauche. Ich mag nicht wirklich viel essen, dies mache ich mehr aus Gewohnheit. In einem anderen Urlaub hier habe ich einmal von vier Nächten drei definitiv überhaupt nicht geschlafen, da ich mit Karl-Heinz ein Zimmer teilen musste. Wer meinen Bericht über die Schneeschuhtour in der Schweiz noch nicht gelesen hat, dem sei gesagt, dass das Schnarchen von Karl-Heinz nach mind. zwei Zimmer weiter gut zu vernehmen ist. Trotzdem sind wir jeden Tag bis zu 35km gelaufen, teilweise mit schweren Gepäck. Oder letztes Jahr an Ostern: zwei Tage durch Tiefschnee mit vollem Gepäck ohne etwas zu essen, aber nie das Gefühl mich könnte die Kraft verlassen. Auch Tanja macht hier bei diesem Urlaub ähnliche Erfahrungen. Dies lässt zwangsläufig den Gedanken nach den verschiedenen Energien von verschiedenen Orten aufkommen. Die Chinesen haben eine komplette Wissenschaft daraus gemacht und nennen sie Feng Shui.

Doch schon werde ich von der kalt-feuchten "Realität" eingeholt. Es regnet. Es regnet am Mendelkamm, dem Sonnenbalkon Südtirols. Es sieht so aus, als müssten weitere Planungen den Gegebenheiten weichen. Die Kemantenscharte ist in diesem nassen Zustand für Anfänger viel zu gefährlich. Also wird erst mal gemütlich im Zelt mit einem Tee mit Obst und Nüssen gefrühstückt.

Die zweite Seite meines Berichts und immer noch kein Photo? Nun wir waren gestern recht spät am Kreuzstein losgekommen und da blieb keine Zeit mehr die Speicherkarte von Matthias auch noch in Joes Kamera einzusetzen. Außerdem haben wir keinen echten Hobby-Photographen an Board. Für eine entsprechend mediale Präsentation reichen unsere Bilder eh nicht, denn immer wenn es gerade am schönsten ist, will jeder eigentlich nur genießen und keine Photos machen oder auch photographiert werden. Auf der anderen Seite macht es später auch Spaß, seine Tour entsprechend darzustellen, aber auch sich selbst nochmals die Tour mit seinen angenehmen Momenten in Erinnerung zu rufen. Für die nächsten Touren muss ich mich da eine Lösung einfallen lassen...

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